Interaktives Erzählen im Netz


Interview: Brice Lambert von „I Goth My World“

Bild: I Goth My World

„I Goth My World“ erzählt die Geschichte der Gothic-Bewegung anhand der Porträts von drei Generationen. Die Straßburger Journalismusstudenten Brice Lambert und Guillaume Clere waren dafür mit ihrer Kamera auf zahlreichen Gothic-Festivals in Deutschland und Frankreich. Sie tanzten und feierten mit und bekamen Einblicke in eine verborgene Welt. Momentan schustern sie mit Kollegin Avril Ladauge an der Web-Umsetzung des ganzen Materials. Für ihr Konzept haben sie in Frankreich einen Preis gewonnen – verkauft ist die Webdoku schon lange. Im Interview erzählt Brice, wie es ist aus dem Nichts ein Projekt durchzuziehen und wann Interaktivität nervt.

Es ist fast ein Uhr an einem Samstag nachmittag als ich Brice per Skype in seinem Pariser Appartement erwische. Seine Stimme klingt ordentlich zerfeiert. Nachdem wir ein paar Sätze gewechselt haben verabschiedet sich im Hintergrund eine weibliche Stimme. Brice entschuldigt sich lachend. „Nur eine Freundin“. Er hat nur wenig Zeit, denn einige Sequenzen von „I Goth my World“ müssen noch gedreht werden. Und der Zeitplan bis zur Veröffentlichung im Herbst 2012 ist straff. Gleich trifft er einen französischen Goth- und Punkmusiker zum Interview.

Die Gothic-Szene ist nicht gerade für ihre Offenheit bekannt. Wie habt ihr es dennoch geschafft, das Vertrauen zu gewinnen?

Bild: I Goth My World

Der Kanon war am Anfang: „Wenn ihr hier filmt, dann hauen wir die Kamera kaputt“. Viele haben einfach die Schnauze voll von den Vorurteilen, die über die Medien transportiert werden. Von Sendungen wie „Hilfe, mein Sohn ist ein Goth“, oder diesen Verbindungen zu Selbstmord und Satanismus. Wir mussten viel diskutieren, mit ihnen lachen und zeigen, dass wir ein echtes Interesse haben, uns auskennen und keinen Sensationsjournalismus machen wollen. Nach und nach wurden wir dann auf Gothic-Parties eingeladen und vor allem von unseren drei Protagonisten (Bild rechts) in die Szene eingeführt. Mit der Zeit haben wir uns eine gewisse Glaubwürdigkeit erarbeitet. Mittlerweile sind wir auch in den Gothic-Foren im Internet bekannt und die Szene wartet auf die Veröffentlichung.

Warum eine Dokumentation über Gothic?

Wir wollten eine versteckte Kultur zeigen, eine Lebensrealität, die sonst im Verborgenen liegt. Zufälligerweise fand Ende 2010 ein Gothic-Festival in Straßburg statt, wo wir studieren. Wir sind da einfach mal hin und haben uns umgeschaut. Uns war bei der Themensuche wichtig, dass es starke Bilder gibt und in der Gothic-Szene ist ja fast alles visuell interessant. Angefangen bei den Leuten und ihren Klamotten die teilweise ziemlich abgefahren sind. Wir haben uns dann recht schnell auf ein Porträt der Gothic-Bewegung geeinigt. Dass die gerade ihr 30-jähriges feiert passte dann natürlich.

Vor etwas mehr als einem Jahr wart ihr noch frische Studenten an der Straßburger Journalistenschule CUEJ, hattet viele Ideen aber kaum Erfahrung. Jetzt habt ihr eine fast fertige Webdoku, bei der es nur noch um die Details der Veröffentlichung bei einem großen Sender geht. Vom Amateur zum Profi in einem Jahr. Wie fühlt sich das an?

Es ist schon erstaunlich, wie schnell das alles ging. Ende 2010 war da tatsächlich nur eine Idee. Wir saßen mit der Grafikdesign-Studentin Avril Ladauge beim Bier in einer Kneipe und sprachen darüber, dass wir gerne ein kleines Projekt neben dem Studium machen würden. Irgendetwas Interaktives, das eher für eine Veröffentlichung auf der Seite einer Straßburger Lokalzeitung gedacht war. Auf unsere Idee kam aber direkt positives Feedback von allen Freunden und ein Dozent von Arte hat uns Mut gemacht, die Ziele höher zu stecken. Wir haben dann einfach angefangen zu drehen, und waren quasi jedes Wochenende unterwegs in der Gothic-Welt. Avril hat sich währenddessen um die grafische Umsetzung gekümmert. Dann ging alles ziemlich schnell. Anfang 2012 haben wir einen Wettbewerb der Internetseite webdocu.fr gewonnen, dadurch konnten wir auf der Crowdfundingseite KissKissBankBank knapp 12000 Euro von Unterstützern einsammeln. Mit dem Wettbewerb ist die französische Webdoku-Szene endgültig auf uns aufmerksam geworden und damit kamen auch die interessierten Sender. Wo genau „I Goth My World“ erscheinen wird ist noch geheim. Aber auch eine große deutsche Internetseite ist interessiert.

Bild: I Goth My World

Wie wurdet ihr als Studenten von den Profis in den Redaktionen wahrgenommen?

Wir kamen als engagierte Unerfahrene rüber, die neben der Journalistenschule ihr eigenes Ding mit Herzblut durchziehen. Ich glaube, das war unsere Stärke, weil es sympathisch rüberkam. Auch bei den Verhandlungen mit potenziellen Abnehmern wurden wir am Anfang eher unterschätzt und bekamen wohl auch nur deshalb Gehör weil die ein günstiges Geschäft gewittert haben. Mittlerweile haben wir uns mit der bekannten Produktionsfirma Cargo Culte zusammen getan und haben dadurch einen professionelleren Stand.

Du arbeitest im Team mit Guillaume, einem deiner Kommilitonen, und Avril, einer Grafikdesign-Studentin. Wie genau teilt ihr euch die Arbeit auf?

Guillaume und ich machen schon die journalistische Arbeit, das heißt Filmen, die Interviews führen und die inhaltliche Richtung vorgeben. Aber Avril war bei jeder Entscheidung mit eingebunden und konnte so ihre Ideen für die grafische Umsetzung einbringen. Denn die Benutzer-Oberfläche und deren Verständlichkeit und Logik ist extrem wichtig bei einem interaktiven Web-Format. Außerdem war es sehr gut, dass jemand der nicht aus dem Journalismus kommt mit einem frischen und vielleicht auch naiven Blick auf die Arbeit schaut. Avril hatte sich einige interaktive Webdokus angesehen und uns gesagt: „Jungs, dass ist alles totale Scheiße. Zuviel Rumklicken macht überhaupt keinen Sinn. So machen wir das nicht!“ Das hat uns total geerdet.

Interaktive Webformate sind der letzte Schrei in Frankreich und eine ganze Generation von Jungautoren arbeitet sich an dem Format ab. Wie viel Interaktivität verträgt der Zuschauer überhaupt?

Bild: I Goth My World

Wir als Journalisten haben die Tendenz uns sehr in unserer Welt einzuigeln und da sind interaktive Formate sehr verführerisch. Es ist irgendwie neu, man kann Geschichten anders erzählen, kann sich ausprobieren und wird Teil einer neuen Bewegung. Am Anfang waren wir genauso euphorisch aber irgendwann haben wir uns gefragt für wen wir das eigentlich machen. Ich selbst bin nicht überzeugt von total interaktiven Formaten, die sich an Videospielen orientieren, wo alles klickbar ist und man alle zwei Sekunden vor eine neue Wahl gestellt wird. Solche Formate interessieren sicherlich ein Fachpublikum. Aber wenn ich meine Oma davor setzen würde, wäre sie innerhalb von wenigen Minuten wieder weg.

Wie viel wird man denn bei euch klicken dürfen?

Bei uns soll meine Oma sofort verstehen, worum es geht und weshalb man wo klicken muss. Das ist der Anspruch. Und deshalb wird es neben den interaktiven Elementen die Möglichkeit geben, „I Goth my World“ zu großen Teilen klassisch linear zu sehen.

Was habt ihr aus den letzten anderthalb Jahren mitgenommen?

Hört sich simpel an: Arbeit zahlt sich aus! Wir haben enorm viel zusätzlich zum Studium stemmen müssen und das war nicht immer einfach. Ob „I Goth My World“ nun ein Publikumserfolg wird oder nicht: Wir haben mit großen Sendern verhandelt, Projektanträge geschrieben, gelernt mit der DSLR-Kamera zu filmen, eine Geschichte zu schreiben und sie im Laufe der Zeit anzupassen. Und das kann uns schon einmal keiner nehmen. Der Rest ist dann die Kür.

I Goth my World im Netz:
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Trailer auf Vimeo (französisch):

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Fassung auf Sendefähig erschienen, dem Blog der Volontäre der Deutschen Welle.

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