Interaktives Erzählen im Netz


Webdoku: Das Geld und die Griechen

dgudgtitelIn seinem neuesten Korsakow-Film spürt Autor Florian Thalhofer der Stimmung in Griechenland nach. Die Menschen, die er trifft, erzählen von der Krise im Privaten, von Korruption, Bürokratie und alten Gewohnheiten, von Griechenlands Platz in Europa, der eigenen Schuld und der Suche nach einem Ausweg. Das Prinzip Korsakow ist eine Herausforderung, denn es bedeutet maximale Interaktivität. Und: „Das Geld und die Griechen“ ist basisdemokratisch.

Welche Interviews und Sequenzen in der Webdoku sind, haben die Zuschauer selbst bestimmt und in den letzten Monaten im Internet aus ursprünglich 203 Clips ihre Wahl getroffen. In drei Gruppen: Griechen, Deutsche und in Deutschland lebende Griechen. Knapp 30 Stimmen hatten die Clips durchschnittlich. Thalhofer hat als Autor von Beginn an das Zepter aus der Hand gegeben. „Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Gruppen abgestimmt haben. Drei Viertel der Sequenzen hätte ich selbst aber auch so gewählt“, sagt Thalhofer. Jeder Sequenz sind Stichworte zugeordnet. Sowohl für den Eingang, wie für den Ausgang. Wenn eine andere Sequenz mit ihren Eingangsstichworten mit den Ausgangsstichworten einer anderen übereinstimmt, wird sie als Auswahl angezeigt. Klar wird das Prinzip im Korsakow-Erklärfilm.

Die Sequenzen sind mal mit Sprecher-Text, mal ohne, mal persönlich aus der Ich-Perspektive erzählt, mal ganz ohne Kommentar: Die Dramaturgie im klassischen Sinne ist Rock’n Roll, wenn man bei Korsakow-Filmen überhaupt von Dramaturgie sprechen kann.

Das Geld und die Griechen

dgudgartikel

Es erzählen ein griechischer Taxifahrer, eine Deutsche in Griechenland, man ist bei einem Streik dabei und irgendwann taucht auch Daniel Cohn-Bendit auf. Die Menschen werden weder vorgestellt, noch sind sie und ihre Aussagen in einen offensichtlichen Zusammenhang gesetzt. Nur die bereits genannten Eingangs- und Ausgangsstichworte definieren inhaltlich ähnliche Clips als nächste Wahlmöglichkeit. „Ich möchte keinerlei Roten Faden vorgeben, denn damit bevormunde ich den Zuschauer. Jeder muss seinen eigenen Weg ins Material finden“, sagt Thalhofer. Er ist ein Verfechter der maximalen Interaktivität und Wahlfreiheit. Das ist bei „Das Geld und die Griechen“ mitunter anstrengend und verlangt ein großes Interesse des Internauten. Nicht nur an der Form, sondern vor allem am Inhalt. „Wenn man bei einer linearen Doku davon spricht, dass sie „fesselnd“ ist, dann habe ich damit ein großes Problem. Ich will nicht gefesselt werden von einer vom Autor konstruierten Geschichte, sondern frei sein. Frei, die eigenen Rückschlüsse zu ziehen und die Zeit haben, meine eigenen Gedanken zu entwickeln.“

Der Internaut übernimmt die Deutung

Entzieht sich Thalhofer seiner Verantwortung als Autor, eine Handschrift anzulegen? Gerade weil er persönlich mit den Menschen gesprochen hat, gerade weil er der „Experte“ für seine Geschichte ist? „Ob ein Korsakow-Film beim Zuschauer mit seinen heutigen Sehgewohnheiten ankommt ist nicht meine höchste Priorität. Ich will weiter entwickeln, ohne von der Publikumsmeinung eingeengt zu sein“, sagt Thalhofer.

"Das Geld und die Griechen"-Installation auf dem DokFest Kassel 2012, Quelle: thalhofer.com

„Das Geld und die Griechen“-Installation auf dem DokFest Kassel 2012

Für die Heussen-geschulte Journalisten-Elite mag das Korsakow-Konzept befremdlich wirken, aber Thalhofer ist kein Journalist, sondern versteht sich als Künstler. Seit zehn Jahren experimentiert er mit interaktiven Erzählelementen, sein Korsakow-System wird an Universitäten weltweit gelehrt. Der Trend, beispielsweise bei französischen Web-Produktionen, vermehrt auf lineare Elemente zu setzten sieht Thalhofer als ein Zugeständnis an das Medium Fernsehen und damit als Rückschritt und vertane Chance.

„In Gesprächen wird mir der Mangel an klassischer Dramaturgie oft vorgehalten. Anfangs bin ich in die Defensive gegangen aber mittlerweile verteidige ich das offensiv. Und wo noch vor Jahren alle mit dem Kopf geschüttelt haben, ist mittlerweile Einer von Zehn dabei, der das versteht. Ich bin überzeugt: Das ist erst der Anfang!“

Wer sich anstrengt, wird belohnt

Man muss sich tatsächlich Zeit nehmen, um bei „Das Geld und die Griechen“ anzukommen und es ist mühsam, immer wieder wählen zu müssen. Doch nach einer Weile fügen sich die unterschiedlichen Puzzle-Teile zu einem Bild, zu einem Eindruck über den aktuellen Seelenzustand der Griechen. So wie bei einer linearen Doku auch, nur dass der Weg dorthin persönlich und einmalig ist. Über das Pro und Contra beim Korsakow-System kann man sicherlich viel diskutieren, gerade wenn es um die Frage der Vermarktung und das Erreichen größerer Zuschauerschichten geht. Aber als Vertreter der maximalen Interaktivität hat Florian Thalhofer einen wichtigen Platz bei der Debatte um die Entwicklung neuer Erzählformen.

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Neben dem Korsakow-Film gehört zu „Das Geld und die Griechen“ auch die sogenannte Korsakow-Show und eine Video-Installation.

Florian Thalhofer im webdoku.de-Interview 2011:

11 Responses to “Webdoku: Das Geld und die Griechen”

  1. u4fifa sagt:

    youre looking sharp!

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